Unsichtbar ist ideal

Markus Waldner ist Renndirektor im Audi FIS Ski Weltcup der Herren. Der Südtiroler spricht über Jahreszeiten, Verantwortung, Exoten und die Weltmeisterschaft.

Markus Waldners Job Description lautet eigentlich „unsichtbar sein“. Wenn man ihn bei Rennen im Audi FIS Ski Weltcup nicht zu sehen bekommt, ist das das beste Zeichen. Waldner ist seit 2014 der Renndirektor im Herren-Weltcup und die oberste Instanz am Pistenrand. Sollte er doch ins TV-Bild gerückt werden, heißt das meist, dass das Rennen unterbrochen wurde, weil ein gestürzter Läufer in den Fangzäunen hängt oder das Wetter umgeschlagen hat. Dann bekommt der Mann aus Brixen jede Menge Arbeit.

Der Südtiroler ist immer auf Achse. An die 50.000 Kilometer legt er jährlich mit seinem Audi A6 S line zurück. „Ungefähr die Hälfte davon im Sommer, weil ja auch außerhalb der Weltcup-Saison viel zu tun ist“, sagt Waldner. Es gab Zeiten, in denen Waldners Jahreszeiten Frühling, Winter, Herbst und Winter hießen. Denn vor seiner Beförderung zum „Race Director“ war er 14 Jahre lang für die FIS der Koordinator der kontinentalen Rennserien – was mit sich brachte, dass er den europäischen Sommer etwa im neuseeländischen oder chilenischen Winter verbrachte. Auf die Frage, ob er denn zweistellige Plusgrade nicht leiden könne, lacht der 55-Jährige schallend: „Oh doch, und wie! Ich liebe den Sommer. Jetzt vielleicht noch mehr als früher, weil ich ihn mehr genießen kann. 14 Jahre dauernd Winter sind genug.“

Markus Waldner liebt seinen Beruf und die Verantwortung, die er trägt. Die Sicherheit der Rennläufer habe höchste Priorität: „Es ist schon eine Herausforderung, täglich Lösungen zu finden. Wie krieg‘ ich das Rennen runter? Wann unterbreche ich? Wann breche ich ab? Mit der Natur umzugehen macht es spannend. Und es kommt eine gewisse Genugtuung, wenn man die richtige Entscheidung getroffen hat“, erklärt er.

Es werde aber immer schwieriger, gibt er unumwunden zu: „Die Wetterkapriolen häufen sich. Den Klimawandel merken natürlich auch wir“, sagt er und kommt wieder auf die Jahreszeiten zurück, „es passiert immer öfter, dass du an einem Tag vier Jahreszeiten hast. Das Wetter ist in den europäischen Bergen nicht mehr so stabil.“ Das hat sich gerade in den letzten Wochen gezeigt. „Es geht ja inzwischen nicht nur um die Rennen selbst, sondern auch um Logistik. Wenn Zufahrtsstraßen gesperrt sind, wird es schwierig, ein Rennen durchzuführen.“

Der Umgang mit der Natur ist die eine Sache, jener mit den Menschen eine andere. Als Renndirektor ist Waldner auch ein Reibebaum für Läufer, Trainer und Betreuer. „Man muss schon ein bisserl verrückt sein, um diesen Job zu machen“, grinst er. Denn die Interessen und Zugänge sind manchmal zwangsläufig unterschiedlich. Die Ski-Legende Franz Klammer habe ihm erst kürzlich gesagt, dass es vonseiten der Rennfahrer einst mehr Eigenverantwortung gegeben hätte und sich dies in den letzten zwanzig Jahren gedreht hätte. „Meine Aufgabe ist es auch, die Verantwortung zu verteilen. Früher war immer der Reflex da, dass die FIS oder der Veranstalter schuld war, wenn sich jemand verletzt hat. Das ist natürlich nicht so. Wenn die Bedingungen und die Strecke okay sind und es kracht trotzdem, haben Trainer und Läufer zu akzeptieren, dass es Eigenfehler gibt“, fordert Waldner und lobt zugleich: „Es wird jetzt mehr Eigenverantwortung übernommen, das klappt sehr gut.“

Apropos Verantwortung: Die wird auch beim Saisonhöhepunkt, der FIS Ski WM von 5. bis 17. Februar im schwedischen Åre ein großes Thema sein. Denn traditionell sind bei der Weltmeisterschaft auch Athleten am Start, die mit ihren Brettern, dem Kurs und dem Tempo zu kämpfen haben. Auf sie muss Waldner besondere Rücksicht nehmen – und im Zweifelsfall den Bösewicht spielen. „In Åre sind wir sehr viel in der Luft, dort gibt es hohe, weite Sprünge. Wenn ich im ersten Abfahrtstraining merke, dass einer überfordert ist, wird es für ihn kein zweites Training geben“, stellt er klipp und klar fest. Denn eine WM-Abfahrt solle ein Spektakel sein, kein Chaos.

Generell sei die WM einfacher durchzuführen als etwa Klassiker wie Kitzbühel oder Wengen. „Dort ist der Druck größer. Bei der WM hat man durch die Reservetage mehr Ausweichmöglichkeiten“, erklärt Waldner und kommt wieder auf die sogenannten „Exoten“ zu sprechen: „Bei der WM sind halt Läufer und Trainer aus zwanzig Nationen dabei, die sich nicht so gut auskennen. Die muss man einweisen, kontrollieren, ihnen sagen, was sie dürfen und was nicht. Und es stehen viel mehr Leute am Berg als bei normalen Weltcuprennen. Das ist in Gröden oder Beaver Creek einfacher.“ Aber die WM sei eben der Höhepunkt des Winters, „das ist auch gut so. Ich freue mich darauf.“

Die größte Freude hätte Markus Waldner aber, wenn er am Ende der WM feststellen kann, dass er nicht im Fernsehen war.

 

Fotocredits: GEPA