Thomas Morgenstern und der Schanzen-Klassiker: Eine Expertise im Vierviertel-Takt

Bischofshofen: Vier gewinnt
Ryoyu Kobayashi historisch, Stefan Kraft überglücklich, Thomas Morgenstern mit der Bilanz.


Die Vierschanzen-Tournee wurde ihrem guten Ruf auch heuer wieder eindrucksvoll gerecht. Man muss sowohl den Veranstaltern, speziell den unermüdlichen Schneeräumern in Bischofshofen als auch den Fans ein großes Kompliment aussprechen, das Drumherum und die Stimmung waren gewaltig. Ich habe das dabei sein richtig genossen und mich sehr über das Wiedersehen mit vielen Freunden und zahlreichen Bekannten gefreut.
 
Den Hut ziehen muss man vor einigen Springern, allen voran natürlich vor Ryoyu Kobayashi. Ja, der Japaner war der klare Favorit, aber die Art und Weise, wie er mit dem Druck und der Nervenprobe zu Recht gekommen ist, zeugt von absoluter Weltklasse. Was ihn vom Rest unterscheidet, ist diese unglaubliche Selbstverständlichkeit und scheinbare Ruhe. Egal was die Bedingungen machen, egal wie lange er auf das Freizeichen warten muss, egal was die anderen tun, er zieht sein Ding kompromisslos durch. Vier Springen, vier Siege, der dritte Grand-Slam-Sieger der Tournee-Geschichte, ein historischer Tag für Japan, ein historischer Tag für den Skisprungsport! Einfach der Wahnsinn und herzliche Gratulation auch an dieser Stelle.
 
Positiv überrascht hat mich Markus Eisenbichler, er war zur Halbzeit noch knapp an Kobayashi dran, hat fast alles richtig gemacht. Ähnliches gilt für Stephan Leyhe, dem wohl die wenigsten Platz 3 in der Gesamtwertung zugetraut hätten. Und gratulieren muss man ganz klar auch einigen Österreichern, allen voran Stefan Kraft. Dreimal am Podest ist eine Bilanz, die sich allemal sehen lassen kann. Damit hat Krafti die richtige Antwort auf die zwischenzeitliche Kritik gefunden, die mitunter doch unnötig laut ausgefallen ist. Eine tadellose Tournee ist auch Daniel Huber gesprungen. Er hat mit Rang neun die Erwartungshaltung voll und ganz erfüllt und ist weiterhin am richtigen Weg. Für einige ÖSV-Springer zeigt die Formkurve eindeutig nach oben, anderen merkt man an, dass sie noch ein wenig zu viel an den Stellschrauben drehen müssen. Da sind die Sprünge durchaus positiv aber noch nicht konstant genug. Man sollte ihnen allen jetzt auf jeden Fall die Ruhe geben, um gut weiterzuarbeiten.
 
Wenn es gelingt, den Schwung und die Erfolgserlebnisse, die jeder für sich verbuchen konnte mitzunehmen, bin ich hinsichtlich der Heim-Weltmeisterschaft sehr zuversichtlich. Es bleibt noch ausreichend Zeit, um die Form und das Selbstvertrauen weiter aufzubauen und wie man weiß und gesehen hat, kann es in diesem Sport sehr sehr schnell gehen.
 
Wir sehen uns am WM-Bakken, bis dann!

Innsbruck: Beeindruckend und erfreulich
Ryoyu Kobayashi kann nur noch Ryoyu Kobayashi gefährlich werden, Stefan Kraft kontert, Thomas Morgenstern fasst zusammen.

 
Es ist und bleibt ein wunderschönes Gefühl bei der Tournee dabei zu sein, vor allem hier in Innsbruck. Wenn man die Jungs und ehemaligen Kollegen besucht und aus nächster Nähe beobachtet, fühlt es sich einfach immer so an, als wäre man nie weggewesen. Was für ein lässiger Wettkampf, was für ein herrlicher Tag! Ein großes Kompliment auch an die Fans, die Stimmung im Hexenkessel war wieder fantastisch, genau diese Unterstützung haben unsere Springer gebraucht!
 
Mir hat der Wettkampf wirklich sehr getaugt, beeindruckend ist weiterhin die Seelenruhe und Souveränität von Ryoyu Kobayashi. Er kommt mit der Favoritenrolle hervorragend zu Recht, hat mit Markus Eisenbichler den letzten Kontrahenten um den Gesamtsieg abgeschüttelt und bleibt in seiner eigenen Liga.
 
Auch die starke Antwort der Österreicher auf die Garmisch-Pleite freut mich riesig: sechs Springer im zweiten Durchgang, mit Stefan Kraft einen am Stockerl – genau solche Erfolge braucht es, damit das Selbstvertrauen wächst und die Selbstverständlichkeit zurückkommt. Dieser Prozess braucht Geduld. Und bitte keine Vergleiche mehr mit den Super-Adlern, die gibt es nicht mehr. Es war eine andere Zeit, der Skisprungsport hat sich weiterentwickelt, ist noch extremer geworden und vor allem springt eine andere Generation.
 
Jetzt heißt es ab nach Bischofshofen, der letzte Tapetenwechsel steht an. Soll heißen zusammenpacken, rein ins Auto, die Spur halten und den Tag analysieren. Ab nach Bischofshofen, einchecken, Abendessen, runterkommen und bald schlafen gehen.
 
In zwei Tagen ist Finale, das lasse ich mir sicher nicht entgehen, ich zähle wieder auf euch!

 

Garmisch-Partenkirchen: „Nicht grübeln, nicht flippen.“
Neujahrskracher, Fehlzündungen, Rohrkrepierer – Thomas Morgenstern analysiert das Neujahrsspringen und zieht Halbzeitbilanz.

 
Garmisch ist ein schwieriges Pflaster und sicherlich keine Schanze, auf der man seine Form leicht finden kann. Das hat sich auch heute bewahrheitet. Wer nicht mit dem notwendigen Selbstvertrauen und einer gewissen Lockerheit in die Spur geht, hat hier keine Chance. So gesehen kommt es nicht unbedingt überraschend, dass aus dem Vierkampf ein Duell geworden ist. Ryoyu Kobayashi wird den Vorschusslorbeeren weiterhin eindrucksvoll gerecht, Markus Eisenbichler bleibt die positive Überraschung. Wie der Bayer dem favorisierten Japaner die Stirn bietet, ist beeindruckend, die beiden liefern sich ein absolut sehenswertes Duell!
 
Seine Tournee-Träume vorzeitig begraben muss leider Stefan Kraft. Er ist volles Risiko gegangen und nicht belohnt worden. So schwer verdaulich das auch sein mag, so verständlich ist die Herangehensweise, denn wer ganz vorne mitmischen möchte, muss bereit sein hoch zu pokern. Für die ÖSV-Adler war der Absprung ins neue Jahr kein wirklich glorreicher, mit Daniel Huber bleibt leider nur ein einziger Lichtblick. Mit dem weitesten Sprung in Durchgang zwei auf Platz 15 vorgearbeitet, in der Tournee-Zwischenwertung auf Rang 10 – das ist absolut im Rahmen, aber halt leider die Ausnahme.
 
Weiter geht’s in Innsbruck, der kleinsten Schanze im Verlauf der Tournee und eine, die absprungstarken Typen in die Hände spielt. Wie beispielsweise Dawid Kubacki, der sich zum ersten Verfolger gemausert hat und eventuell noch in das japanisch-deutsche Duell eingreifen kann. Bei einem Rückstand von über 20 Zählern bist du aber auf Fehler der Konkurrenz angewiesen, normalerweise werden diese nicht passieren. Normalerweise deshalb, weil der Wetterbericht windige Tage prognostiziert. Bleibt zu hoffen, dass der Glücksfaktor keine allzu große Rolle spielt.
 
Mit dem Wechsel von Deutschland nach Österreich folgt der erste und einzige Ruhetag. Im Mittelpunkt stehen regenerieren und mobilisieren. Skispringen wird wohl keiner, der eine oder andere wird aber ein lockeres Krafttraining einschieben. Die größte Kunst an einem wettkampffreien Tag ist ohnehin nicht zu viel zu grübeln oder zu sehr zu flippen. Strich drunter machen, Mund abputzen, nicht viel nachdenken. Klar ist aber auch, dass das einfacher klingt als es ist. 
 
So oder so, am Bergisel werden die Karten neu gemischt und ich bin fest davon überzeugt, dass sich unsere Österreicher von ihrer besseren Seite zeigen werden. Gebt ihnen Vollgas, ein brodelnder Hexenkessel ist mehr als nur ein Heimvorteil.
 
Prosit Neujahr und bis übermorgen!

Wer in Oberstdorf funktioniert hat, wer zu kurz kam und wie Thomas Morgenstern den Auftakt einstuft, ist hier nachzulesen:

 

Oberstdorf: „Da lacht das Skispringerherz“
Ryoyu Kobayashi drückt der Vierschanzen-Tournee den ersten Stempel auf, Deutschland jubelt mit Österreich im Gleichklang und Thomas Morgenstern fasst zusammen.

Vorweg: Es war ein super spannender und sehr lässiger Auftakt. Keiner hat sich absetzen können, die ersten vier sind praktisch auf Augenhöhe. Dazu ein Österreicher und ein Deutscher auf dem Podest, was das Ganze natürlich noch mehr belebt. Die Stimmung war schon gestern fantastisch, heute unglaublich und es ist davon auszugehen, dass auch weiterhin voll die Post abgeht. Da kommt Freude auf!

Nun zur zentralen Frage wer von den Favoriten nach dem Auftaktspringen die Segel streichen muss oder auf Kurs geblieben ist. Auch wenn es heute knapp war, Ryoyu Kobayashi bleibt für mich der Top-Favorit auf den Tournee-Sieg. Der ist in der Form seines Lebens, strotzt vor Selbstvertrauen. Markus Eisenbichler, dem Platz zwei von Herzen zu gönnen ist, muss erst beweisen, dass er die Konstanz hat. Stefan Kraft schätze ich da schon stärker ein. Der dritte Platz wird ihn extrem pushen, zudem hat er die Erfahrung und das Wissen wie die Tournee zu gewinnen ist. Und Andreas Stjernen hatte ich zwar nicht wirklich auf der Rechnung, er ist aber ebenfalls voll dabei und hat ebenfalls alle Anlagen.

Von den Mitfavoriten sind Piotr Zyla und Kamil Stoch noch einigermaßen in Schlagdistanz, sie müssen aber definitiv einen Zahn zulegen. Für Karl Geiger, der seinen Heimvorteil nicht nach Wunsch ausspielen konnte, wird es schwer, mein Geheimfavorit Evgeniy Klimow braucht ein kleines Wunder, Johann Andre Forfang wird nicht einmal ein Großes helfen. Und die bitterste Pille des Tages muss definitiv Andi Wellinger verdauen. Er war zwar nicht unbedingt zu den Favoriten zu zählen, aber als Olympiasieger bei der Tournee vorzeitig aus dem Rennen um den Gesamtsieg zu sein, ist schon eine ordentliche Enttäuschung. Sicher keine einfache Situation für ihn, ich bin schon sehr auf seine Reaktion gespannt.

Noch ein Wort zu den Österreichern: einer am Stockerl, mit Daniel Huber ein zweiter in den Top-10, das ist auf jeden Fall eine positive Ausbeute und sollte auch als solche wahrgenommen werden.
Auf geht’s nach Garmisch, rutscht gut rüber!

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