Eine Frau, ein Berg, ein Lebensgefühl

Von Klösterle nach Neuseeland - Nadine Wallner ist eine der besten Freeride-Skiläuferinnen der Welt. Mit dem quattro Roadtrip nach Neuseeland erfüllte sich die Vorarlbergerin einen besonderen Wunsch.

Nadine Wallner ist quasi mit Skiern zur Welt gekommen. Seit sie drei Jahre alt ist, gehören die Skier zu ihrem Leben wie für andere das Mittagessen. Ihr Vater, ein erfahrener Berg- und Skiführer, nahm sie schon als kleines Kind mit in die Berge um das heimatliche Klösterle. Ursprünglich Alpin-Fahrerin, wandte sich Nadine bald dem Freeriden zu – eine Entscheidung, die sie bis heute keine Sekunde lang bereut hat. „Ich liebe die Natur im Allgemeinen und die Berge im Speziellen. Es ist eine besondere Herausforderung, die richtige Linie zu finden“, sagt die 28-Jährige, die 2013 (als jüngste Athletin überhaupt) und 2014 die Freeride World Tour gewann.

Die Linienwahl sei es, die das Freeriden so speziell mache: „Da kommen Individualität, Kreativität und Mut zum Vorschein. Der Fahrstil im Hang reflektiert den Charakter. Man sieht, ob jemand extrovertiert oder eher introvertiert ist“, erklärt Nadine Wallner. Die Frage, ob Freeriden ob der enormen Freiheit bei der Wahl der Linie eine Kunstform sei, verneint sie: „Das wäre zu hoch gegriffen. Aber es ist schon ein persönlicher Selbstausdruck". Auch das Einprägen der „Line“ sei eine spezielle Angelegenheit, „da geht es um ein gutes Auge, man muss das Gelände lesen können“, sagt sie. Und man benötige einen „Spiegelblick. Denn ich schau‘ mir den Hang ja von der anderen Seite an. Wenn ich dann oben stehe, muss ich genau intus haben, wo es jetzt weitergeht.“

Der quattro Roadtrip 
Im letzten Jahr wollte Nadine Wallner den „Spiegelblick“ bei den Antipoden testen – doppelt verkehrt sozusagen. Beim quattro Roadtrip machte sie sich mit der französischen Snowboard-Legende Xavier de Le Rue auf nach Neuseeland. Am anderen Ende der Welt trafen sie Mitte September mit Sam Smoothy eine wahre Ikone des Freeridens. Der Neuseeländer brachte den Europäern seine Heimat auf der Südinsel nahe, „das war eine großartige Geschichte.“ Das Ziel: Der Mount Cook, mit 3724 Metern der höchste Berg Neuseelands. Dort stand die Befahrung der steilen Ostflanke auf dem Programm.

Davor planten Wallner, Smoothy und de Le Rue quasi zum Aufwärmen die Befahrung einer Rinne im Ohau-Tal nahe Wanaka, dem Heimatort von Smoothy. Der Spot schien wie geschaffen für eine Freeride Tour. Eine wilde, unberührte Gegend, die Nadine an das heimatliche Klostertal erinnerte, „mit dem Unterschied, dass dieses riesige Gebiet einem einzigen Farmer gehört“, schmunzelt sie. Doch, weil es oft anders kommt, als man denkt, zwang eine Bronchitis Nadine zum Zuschauen. „Und das, nachdem wir schon wochenlang auf ein passendes Wetterfenster gewartet hatten, es war bitter.“

Aber es wartete ja noch der Mount Cook auf das Trio, das eigentliche Ziel und der Höhepunkt des quattro Roadtrips.

Der Oktober zog ins Land. Es wurde knapp, was Zeit und Bedingungen betraf, als der Wettergott ein Einsehen hatte. „Wir wussten, dass das die letzte Chance für dieses Jahr war. Also haben wir uns einmal vom Segelflieger aus den Berg angeschaut, dann vom Helikopter aus.“ Was sie sahen, war nicht von überbordender Euphorie begleitet: „Viel blankes Eis, Gletschervorbrüche, Wind, kein idealer Schnee.“ Doch die Gefahr war kalkulierbar. „Man muss halt sehr spontan sein, weil das Wetter alles vorgibt und sehr schnell umschlagen kann. Außerdem sind der Wind und die Art des Schnees mitentscheidend. Es muss alles passen, sonst wird’s zu gefährlich“, erzählt Nadine.

Tags darauf brachen Wallner, Smoothy und de Le Rue auf zum großen Abenteuer. Ein Kriterium des Freeridens in solcher Umgebung ist: Wie komme ich überhaupt in den Berg hinein? Ein Knochenjob für die Bergführerin in Ausbildung und ihre Kameraden. Bei starkem Wind ging es um halb drei Uhr früh los, Wallner: „Wir haben 1400 Höhenmeter mit Pickel und Steigeisen gemacht, mit den Skiern am Buckel, mussten über einen anspruchsvollen Quergang aus Eis.“ Den ganzen Weg bis zum Eingang der Line blies der Sturm. Der Lohn für die Schufterei: Die Befürchtungen lösten sich in Luft auf. „Wir konnten es kaum glauben“, lächelt Nadine, „wir sind da oben gestanden und der Wind war weg. Die Bedingungen waren grandios. Es war windstill, der Schnee war perfekt. Alle Was-wäre-wenn-Szenarien, die wir überlegt hatten, waren obsolet geworden.“ Was folgte, waren Dankbarkeit und Fahrspaß pur: „Eine Steilwand bei schlechten Verhältnissen zu befahren ist richtig gefährlich. Aber es war ideal. Besser kann man eine Wand nicht erwischen.“

Acht Stunden später war der Trip Geschichte, das Trio wohlbehalten ins Tal zurückgekehrt.

Offizielle Aufzeichnungen gibt es keine, aber einheimische Bergführer halten es für wahrscheinlich, dass Nadine Waller die erste Frau überhaupt war, die den bis zu 70 Grad steilen Hang am Mount Cook durchfahren ist. „Das ist cool zu wissen, gewissermaßen ein Statement. Ich rahme mir das jetzt nicht ein, es ist ein schöner Nebeneffekt dieser Tour. Wichtiger ist, dass die Mission an sich und die Ästhetik der Line passen“, sagt sie.

Die „Mission“ wird es übrigens auch zu bestaunen geben. Der quattro Roadtrip wurde filmisch dokumentiert – mit Kameras vom Helikopter aus, mit Helmkameras, mit einer Kamera am Gegenhang. „Das sind Wahnsinnsaufnahmen“, ist Nadine Wallner begeistert, „ich freu‘ mich schon jetzt auf den Herbst, wenn der Hauptfilm fertig sein wird.“

Was kommt als nächstes, Nadine? „Ui, es gibt so viele Berge, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Das geht von den Westalpen bis Peru. Freeriden, nur Bergsteigen – die Natur gibt so viel her, ich werd‘ bestimmt was finden.“

Fotocredit: Mickey Ross

Erstellt am 26.02.2018