Ein Fest des Augenblicks

Peter Simonischek gab in Salzburg über 100-mal den „Jedermann“. Ein Gespräch über die Festspiele, den Tod, fliegende Tauben und den Mythos vom Sterben des reichen Mannes.

Es ist eine besondere Freude, als Irgendjemand mit DEM Jedermann über DAS Stück der Salzburger Festspiele zu plaudern. Peter Simonischek hat dem Mysterienspiel von Hugo von Hofmannsthal acht Jahre lang seinen Stempel aufgedrückt. Acht Jahre lang verblich er hinreißend auf dem Domplatz, oder, wenn es draußen zu grauslich war zum Sterben, im Großen Festspielhaus.

Der 71-Jährige nimmt sich Zeit. Er blickt einer Auszeit entgegen und ist mit seiner Frau Brigitte Karner auf dem Weg nach Griechenland – mit dem Auto übrigens. „Es hat uns gesagt, wir mögen den Flug stornieren und es mitnehmen, dann wären wir dort mobiler. Und das machen wir“, lächelt Simonischek. Apropos Auto: Simonischek bezeichnet sich nicht als Auto-Narr, „aber ich habe es in Salzburg sehr genossen, von netten Menschen in einem Audi A8 gefahren worden zu sein. Tolles Auto, was das alles kann…“.

Acht Jahre „Jedermann“

Zurück zum Start, also zum „Jedermann“ und den Salzburger Festspielen, deren Partner Audi seit vielen Jahren ist. Laut Die Presse spielte Simonischek von 2002 bis 2008 insgesamt 91-mal die legendäre Hauptrolle, laut KURIER 108-mal. Was stimmt? Simonischek lacht: „Da müssen wir rechnen: Acht Spielzeiten mal elf Aufführungen, dazu die verkauften Generalproben und ein Gastspiel in Ingolstadt – der KURIER liegt richtig. Außerdem glaube ich mich an die 100. Aufführung zu erinnern.“ Das war so eigentlich nicht vorgesehen, denn Simonischek wollte sein Engagement nach drei Jahren beenden. „Dann hat mich meine Frau gefragt: ‚Bist du sicher, dass du mit dieser Rolle alles erlebt hast?‘ Sie hatte Recht, da ging noch etwas. Also sind es acht Jahre geworden, über die ich sehr glücklich und für die ich sehr dankbar bin“, zeigt sich Simonischek demütig.

In diesen acht Jahren hatte der gebürtige Grazer unter anderem vier verschiedene Buhlschaften, vier Tode und drei Mütter als Partner. Fällt eine solche Umstellung schwer? „Nun, jeder ‚Jedermann‘ sucht sich die Partner, die am ergiebigsten sind, das hat mit Umstellung nichts zu tun. Die wichtigsten Partner sind der ‚Tod‘ und der ‚Gute Gesell‘. Die Buhlschaft ist eine eher kleine Rolle, aber sie hat eine enorme Wirkung.“ Wurde deshalb Veronica Ferres so gefeiert? „Aber natürlich, sie ist der Prototyp der Buhlschaft, sozusagen das ‚verführerische Weib‘. Sie hat das auch großartig gemacht“, sagt Simonischek und erzählt eine Anekdote: „Veronica hat dieses altrosafarbene Kleid gar nicht gefallen, sie hat gemeint, sie sehe aus wie Miss Piggy. Aber gerade dieses Kleid war der große Wurf. Damit hat letztlich sogar eine große österreichische Versicherung eine Plakatwerbung gestartet.“

Der Tod und die Symbolik

Und der Tod? Das ist so eine Sache, denn wer stirbt schon gern? Wenn’s aber sein muss? In Salzburg ging Simonischek am liebsten mit Jens Harzer ab, „der war wunderbar.“ Es ist erstaunlich für den Zuhörer, wie zärtlich Simonischek vom Tod spricht. Oder von der „Tödin“, denn auch die gab es. Ulrike Folkerts, bekannt als „Tatort“-Kommissarin, holte zwei Jahre lang als „Frau Tod“ den „Jedermann“ verführerisch hinter den letzten Vorhang. Unter symbolischem Applaus des Hauptdarstellers: „Das war neu, ein Gag, eine gute Idee und mutig. Und es hat funktioniert, Ulrike gab einen hervorragenden ‚Tod", sagt Simonischek ernst und doch klingt es lustig. Simonischek hat Erfahrung mit dem Tod, schließlich war er es selbst. 1991 bis 1994 begleitete er Helmut Lohner auf dessen letzten Weg.

Jedermann, Tod, Buhlschaft und Co. – es funktioniert, und das seit über 100 Jahren. 1911 wurde das Stück in Berlin uraufgeführt, seit 1920 ist „Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ das Zugpferd der Salzburger Festspiele und eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Für Peter Simonischek hat das mehrere Gründe. „Zum einen spricht es für die Qualität des Stücks, dass es seit 1920 ununterbrochen gespielt wird (Anm.: ausgenommen 1938 bis 1945). Zum anderen ist es das Thema, das den ‚Jedermann‘ so besonders macht“, sagt Simonischek. „Niemand kann sich ausnehmen, es geht jeden an. Es geht um Ethik und Moral, um Werte, und es geht um die letzte Stunde und den Tod. Das betrifft alle. Ich weiß von Zuschauern, die jedes Jahr kommen und jedes Jahr tief beeindruckt nachhause gehen. Das ist außergewöhnlich.“ Sogar Richard Strauss soll „vor Ergriffenheit geheult haben wie ein kleines Kind“, erzählt er.

Der Ruf des Todes nach dem reichen Mann ist für Peter Simonischek ohnehin der intensivste Moment und „theatralisch einfach wunderbar.“ Früher, als es mehrere Rufer gab, die quasi über die Stadt verteilt waren, sei die Wirkung noch stärker gewesen: „Dazu das Glockenläuten – das hatte etwas Besonderes. Dieser intensive Moment mit dem Tod ist sicher eines der Erfolgsgeheimnisse des ‚Jedermann‘.“ Simonischek verspürte selbst höchst eindringliche Gefühle, wie er erzählt: „Meine Mutter musste einmal während einer Vorstellung eine schwere Operation über sich ergehen lassen. Wenn man dann hier auf der Bühne steht, dazu diese Texte – das Leben spiegelt sich ja wider … – das ist schon unvergesslich.“

Die grobe Axt auf dem Domplatz

Und der Domplatz stehe für sich, ein traumhafter Aufführungsort. „Das ist einmalig. Du siehst die Zuschauer bis in die letzte Reihe, du spürst sie.“ Es sei wie in einem Kasperltheater für Kinder, wagt Simonischek einen ungewöhnlichen Vergleich: „In den Szenen mit dem ‚Tod‘ sieht man, wie ergriffen die Leute sind, teils sogar ein wenig verängstigt.“ Deshalb hat Peter Simonischek den „Jedermann“ auch lieber auf dem Domplatz gespielt als im Festspielhaus. „Man kann draußen die Erwartungen der Menschen besser erfüllen, der Domplatz gehört für die Zuschauer einfach dazu. Aber natürlich: Im Festspielhaus hat das Ganze mehr Theater-Charakter, man kann differenzierter spielen. Auf dem Domplatz muss man schon die grobe Axt auspacken“, lacht er. Es gebe keine Scheinwerfer, die den Fokus der Besucher lenkten: „Das Publikum schaut auch auf die Tauben, die vom Dach fliegen, auf vorüberziehende Wolken, einfach auf alles. Man muss sich die Aufmerksamkeit erkämpfen, das macht es wahnsinnig anstrengend.“

Außerdem sei der Geräuschpegel von außen nicht zu unterschätzen. „Wir spielen mitten in der Stadt im Freien. Kurios wird es, wenn exakt zu jenem Zeitpunkt, an dem der ‚Tod‘ ‚Jeeeedeeermaaannn‘ ruft, wie aufs Stichwort draußen ein Rettungswagen mit Martinshorn vorbeifährt. Das erzeugt einen unfreiwilligen Lacher.“ Dazu komme die Beginnzeit: „Im Hochsommer um 17 Uhr unter freiem Himmel zu spielen ist Schwerarbeit, da wird es unmenschlich heiß“, erklärt er – und relativiert in der Sekunde: „Wir fahren gerade auf der Autobahn an Bauarbeitern vorbei. Die leisten Schwerstarbeit, verdienen aber vermutlich deutlich weniger als ich. Ich muss also nicht jammern.“

Einen größeren Nachteil hat der taghelle Domplatz für Simonischek manchmal aber doch. Nämlich dann, wenn er Verwandte und Freunde im Publikum sieht. „Das mag ich nicht, mir reicht das Lampenfieber auch so. Wenn ich Bekannte sehe, stört mich das in meiner Konzentration. Auch wenn ich unter der liebevollen Beobachtung meiner Frau stehe, empfinde ich das als unangenehm. Ich will dann unbedingt diese eine oder andere Szene, die Anlass zu Kritik gegeben hat, besser spielen. Und das funktioniert nicht immer“, gibt er zu. 

Mysterienspiele dienten früher dazu, dem gemeinen Volk, das nicht lesen und schreiben konnte, religiöse Glaubensinhalte, Ethik und Moral näherzubringen. Daraus ergibt sich die Frage: Muss man gläubig sein, um den „Jedermann“ glaubhaft spielen zu können? „Nein, aber es hilft sicher“, stellt Simonischek fest. „Hugo von Hofmannsthal war Jude, aber er hat akribisch ein katholisches, theologisch hieb- und stichfestes, unanfechtbares Werk geschrieben. Besonders, was den Schluss betrifft mit dem ‚Glauben‘ und den ‚Guten Werken‘.“ Nichtsdestotrotz ließen sich seinerzeit auch Regisseur Christian Stückl und Peter Simonischek beraten. Der Salzburger Domdekan Johannes Neuhardt sei eine „ausgesprochen wertvolle Hilfe“ gewesen, „ein sehr gescheiter Mann, der uns vieles ausführlich erläutert hat. Von den Dogmen her ist der ‚Jedermann‘ ja eine durchaus knifflige Angelegenheit.“

Der Tempel der Hochkultur

Peter Simonischek liebt den „Jedermann“ und die Salzburger Festspiele. Für rund sechs Wochen im Sommer wird die Mozart-Stadt zur Kultur-Hauptstadt auf diesem Planeten – und das seit Jahrzehnten. „Die Festspiele sind außergewöhnlich und werden es auch bleiben“, ist der Schauspieler überzeugt. „Sie sind finanziell gut ausgestattet, was nicht selbstverständlich ist und vieles ermöglicht, das anderswo nicht stattfinden könnte. Sie haben Tradition und sind ein Magnet.“ Der regelmäßige Aufmarsch von „Reich & Schön“ stört Simonischek gar nicht. „Ich schließe mich der Empörung nicht an, im Gegenteil: Ich bin froh, dass viel Geld ausgegeben wird, um uns zu sehen. Soll ich verächtlich auf jene blicken, die in ihrem Urlaub in Salzburg Opern, Konzerte und Schauspiel sehen wollen? In diesen Chor stimme ich nicht ein.“ Auch der Promi-Faktor mache die Festspiele zum weltweit bedeutendsten Fest der Hochkultur.

Peter Simonischek war der 14. „Jedermann“ der Salzburger Festspiel-Geschichte, ihm folgten Nicholas Ofczarek, Cornelius Obonya und Tobias Moretti nach. Welcher ist sein persönlicher Favorit? Simonischek überlegt nicht lange: „Attila Hörbiger, er war eine Ikone des Theaters. Er trägt ein wenig Schuld daran, dass ich Schauspieler werden wollte. In der Volksschule war in meinem Lesebuch ein Foto von ihm, das ihn als ‚Jedermann‘ sitzend inmitten der Tischgesellschaft zeigt, hinter ihm steht der ‚Tod‘. Alle sehen ihn, auch die Zuschauer, nur der ‚Jedermann‘ nicht. Das ist höchste Theatralik, ein Fest des Augenblicks.“ Wohl ein perfektes Schlusswort. Applaus. Vorhang.

Manfred Polt