Du darfst nie die Spannung verlieren

Olympiasieger, Weltmeister zweifacher Gesamtweltcup-Sieger, Gewinner der Vierschanzentournee - Thomas Morgenstern hat in seiner Sprunglaufbahn abgeräumt was abzuräumen ist. Vor dem Absprung in die 67. Auflage des Sprung-Klassiker spricht der 32-jährige Kärntner über damals und heute, die Schanzen, Favoriten und Überraschungskandidaten.

Thomas, der Reigen beginnt am 29. Dezember mit der Qualifikation in Oberstdorf. Was macht auf der Schattenbergschanze den Unterschied aus und wem ist die Anlage sprungtechnisch so richtig auf den Leib geschneidert?
Oberstdorf ist genauso wie Garmisch und Bischofshofen mehr was für die Flieger unter den Springern. Auffällig sind der steile Anlauf und der relativ kurze Schanzentisch, die Weitenunterschiede können sehr groß sein. Ich habe in Oberstdorf zweimal mit plus 15 Punkten gewonnen und den ganzen Polster gleich in Garmisch wieder verspielt (lacht). Heuer ist den Athleten deutlich mehr Vorbereitungszeit geblieben, da Engelberg kalendarisch relativ früh angesetzt war. Gut möglich, dass der eine oder andere beim Material nachlegt.

Die Tournee, so eine häufig verwendete Floskel, kann man in Oberstdorf nur verlieren und nicht gewinnen. Minimiert das die Risikobereitschaft, oder muss man gleich beim allerersten Sprung All-in gehen?
Wenn du um den Sieg mitmischen möchtest, kannst du keine Sicherheitssprünge machen. Du musst deine Karten von Anfang an auf den Tisch legen, alle acht Sprünge müssen sitzen. 

Die Fortsetzung folgt mit dem traditionellen Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen. Wie intensiv nimmt man den Jahreswechsel in der Nacht vor dem Bewerb wahr, oder anders gefragt, kann man bei dem ganzen Trubel überhaupt schlafen?
Du verbringst den Abend mit der Mannschaft, stößt zu Mitternacht mit einem Lackerl Sekt an und gehst anschließend gleich ins Bett. In der Regel hatte ich mit dem Einschlafen nie ein großes Problem, schwieriger war da schon der Vormittag danach. Die vielen Neujahrswünsche am Weg zur Schanze waren immer super, du bleibst kurz stehen, redest ein wenig, gehst weiter, bleibst wieder stehen, da eine Umarmung, dort ein Glücks-Schweinderl – das ist zwar fein, kann dich aber auch aus deinem Flow bringen. Du musst aufpassen, dass du nicht die Spannung verlierst, dass war für mich am Neujahrstag immer am schwierigsten. 

Bleibt als Rückzugsort irgendwie nur das Teamhotel, oder?
Und das Auto. Ich habe die ständigen Ortswechsel nie als stressig empfunden, für mich waren die zahlreichen Fahrten immer eine willkommene Abwechslung. Du hast in Ruhe mit deinem Trainer Dinge analysiert, dich mit deinen Teamkollegen austauschen können. Und jeder ist auch selber gerne ein Stück gefahren. Ein quattro auf Schneefahrbahn ist und bleibt ein geiles Fahrvergnügen (lacht). 

Am 4. Jänner steht der Bergisel am Zettel, du hast bei deinem Tournee-Sieg 2010/2011 neben Oberstdorf auch in Innsbruck zugeschlagen. Welche sprungtechnischen Herausforderungen gilt es während der Tiroler Luftfahrt zu meistern und wie wird man mit dem Druck fertig, wenn man als Gesamtführender anreist?
Für mich war der Wechsel von den deutschen auf die österreichischen Schanzen immer ein zusätzlicher Kick. Ob als Leader oder nicht, die eigenen Fans im Rücken zu haben war einfach gewaltig. Das hat mich noch mehr gepusht, ich habe den Druck als solchen gar nicht so wahrgenommen. Und ja, es kann in Innsbruck richtig turbulent werden, wenn der Föhn reinbläst bist du oft nur Passagier. Ich weiß wovon ich spreche, ich habe in Innsbruck zweimal die Tournee verloren. Trotzdem habe ich mich auf der Schanze immer sehr wohl gefühlt, sie ist die Kleinste von den Vieren, vielleicht auch deshalb.
 
Der vierte und letzte Akt folgt am Dreikönigstag in Bischofshofen, auch hier hast du dich in die Siegerliste (Anm. 2010) eintragen können. Was braucht es, um auf der Paul-Außerleitner Schanze weiter zu kommen als alle anderen?
Meine absolute Lieblingsschanze, nicht einfach, aber großartig zu springen. Das Kriterium schlechthin ist der sehr lange und flache Anlauf. Es geht ewig dahin, plötzlich bist du beim Schanzentisch. Das Timing muss am Punkt sein, die meisten sind zu spät dran. 

Im Vorfeld der Tournee sind es die üblichen Verdächtigen, die als Top-Favoriten auf den Gesamtsieg genannt werden. Wer steht bei dir ganz oben auf der Liste, wem traust du eine Überraschung zu?
Ryōyū Kobayashi ist sicherlich heiß. Er ist vollgepumpt mit Selbstvertrauen und ein sehr guter Flieger. Er kann sich gut vom Hang lösen, das hat er in Nischni Tagil eindrucksvoll demonstriert und genau das sollte ihm speziell auf den deutschen Schanzen entgegen kommen. Kamil Stoch habe ich auch auf der Liste, er hat die Tournee schon zweimal gewonnen, kann die Sache unbeschwert angehen. Auch ihm kommen die großen Schanzen entgegen. Und gespannt bin ich auf Jewgeni Klimow. Ihm fehlt zwar sicher noch die Erfahrung, aber er hat das Zeug zu überraschen. Gleiches gilt für Karl Geiger. Dessen Brust ist nach dem ersten Weltcup-Sieg in Engelberg besonders breit, jetzt springt er auf seiner Heimschanze. Wenn er gleich mit einem Erfolgslauf startet, kann das sehr spannend werden. Siehe Thomas Diethard. Der ist in Oberstdorf erstmals überhaupt auf dem Stockerl gestanden und war acht Tage später Tournee-Sieger. 

Wie siehst du die Ausgangsposition der ÖSV-Adler?
Bei der Tournee braucht es Konstanz und genau die fehlt uns heuer leider noch. Einen Stefan Kraft trau ich aber trotzdem einiges zu. Ihm kommen die Schanzen entgegen, er hat sicherlich das Zeug um vorne mitzumischen. Daniel Huber kann überraschen, für den Rest wird es wohl schwierig. Aber wie sagt man so schön: die Vierschanzen Tournee hat ihre eigenen Gesetze, also wer weiß schon was kommt.

Thomas Morgenstern meldet sich auf quattro.at auch in den Viertelpausen zu Wort.