Die pure Freude am Purismus

Wenn die Piste nicht mehr als solche zu erkennen ist und das Klettern zurück zu den Wurzeln führt, dann ist Nadine Wallner in ihrem Element. Echt muss es sein und sich auch so anfühlen.

Nadine Wallner ist zweifache Freeride-Weltmeisterin, Weltenbummlerin, Naturliebhaberin, ausgebildete Skiführerin und angehende Bergführerin – langweilig wird der Vorarlbergerin nie. Zu schaffen macht ihr bisweilen nur der Jetlag, etwa wenn sie mit uns wenige Stunden nach ihrer Ankunft aus Kanada plaudert.

Wallner, die passionierte Skifahrerin abseits der ausgetretenen Pfade, entdeckt das Klettern. Was als therapeutische Maßnahme nach einer schweren Verletzung 2014 begonnen hat, entwickelte sich zur Leidenschaft der Audi-Sportlerin. „Man mag es nicht glauben, aber Skifahren und Klettern sind sehr ähnlich“, erklärt sie. „Man kann zum Beispiel die Konzentrationsbereitschaft vergleichen oder einen Weg zu gehen, einen Schwung voll durchzuziehen. Beim Klettern geht’s langsamer und in die andere Richtung, aber es gibt viele Parallelen.“

Je mehr Nadine Wallner klettert, desto mehr besinnt sie sich auf das Wesentliche. Im Skilauf suchte sie sich – höchst erfolgreich – ihre eigene Linie. Beim Klettern tritt diese pure Freude am Purismus ebenfalls zutage. „Sportklettern mit Partnern ist schön, aber das Alpinklettern ist richtig lässig“, erzählt sie. „Berg- und das Naturerlebnis sind viel intensiver. Das ist wie der Unterschied, ob ich auf einer präparierten Piste fahre oder im Gelände und dort meinen eigenen Weg finde. Ich will Natur pur, es muss echt sein und sich auch so anfühlen.

Im Frühling ist sie in der Schweiz erstmals eine Sportkletterroute mit dem Schwierigkeitsgrad 8b/+ durchstiegen, was nach kurzer Zeit ihrer Klettermachenschaften eine beachtliche Leistung ist.  Bezeichnenderweise heißt diese Sportkletterroute  „Euphorie“, womit das Gefühl nach getaner Tat nicht mehr hinterfragt werden muss.

Einen neuen „Lieblingsberg“ hat Wallner in der Nähe ihres Heimatortes Klösterle entdeckt. Im Arlbergmassiv gibt es die „Rote Wand“, laut Wallner’scher Beschreibung „ein rechteckiger Berg und der Teil in der Mitte davon ist ein kleiner, beeindruckender, roter Felsriegel, die ‚Rote Wand‘ eben. Ein wunderschöner Kalkstein-Felsen. Man muss ein bisschen aufpassen, aber das macht’s spannend“, sagt sie. Erklären kann Nadine die Faszination dafür nicht und lacht: „Die Wand ist lässig, weil, hmm … weil sie halt lässig ist.“ Ein Grund mag sein, dass man nicht mit modernen Bohrhaken, sondern traditionell mit Schlaghaken klettert: „Man muss viel selber legen, es ist nicht viel vorhanden. Dort ist sehr wenig los, man ist praktisch allein, das taugt mir sehr.“

Womit wieder der Haken zum Purismus geschlagen ist. In den kanadischen Bugaboos malträtierte Nadine ihre Finger, Hände, Schultern und Knie beim Rissklettern. Dabei wird ein Körperteil im Riss in der Wand verklemmt, um vorwärts zu kommen. „Das ist sehr speziell, ich würde es als Willenssache und spaßiges Gewürge bezeichnen“, lacht sie wieder. „Es ist sehr anstrengend und das Verkeilen mitunter schmerzhaft. Aber es ist toll. Du hast einen Riss und sonst nichts. Damit musst halt auskommen.“ Natur pur eben – und Purismus in einer besonders schönen Form.