Das begehbare Kunstwerk

Der Heiligenbluter Künstler Max Seibald und ein 7-köpfiges Arbeitsteam unter der Leitung von Andreas Tremschnig und Christian Geissler haben am Kitzsteinhorn eine fantastische kleine Welt geschaffen: Das ICE CAMP presented by Audi quattro ist zugleich Kunstwerk, Treffpunkt, Naturverbundenheit und Synonym für Vergänglichkeit und Neuerschaffung.

Nein, von „Iglus“ möchte Max Seibald nicht sprechen. Was der Heiligenbluter Künstler seit Jahren am Gletscher des Kitzsteinhorns schafft, ist vielmehr ein Gesamtkunstwerk. Drei miteinander verbundene Räume aus gepresstem Schnee im romanischen Gewölbe- und Bogenbau faszinieren die Besucher auf 2.600 Meter Seehöhe: Die „medienbox“, in der unter anderem ein nach Minze duftender Nebel aus einem Eis-Kubus strömt; der „Audi Show Room“, in dem ein auf vier Eisschrauben platzierter Audi RS 3 zu bewundern ist; und die „Ice Bar“ mit ihrem elegant geschwungenen Tresen – selbstverständlich aus Eis. Das ICE CAMP presented by Audi quattro ist längst zu einem beliebten Anziehungs- und Treffpunkt geworden.

„Es geht nicht um Iglus, sondern um Architektur, einem Verhältnis zwischen Raum und Materie“, sagt Max Seibald. Der kurzfristig geschaffene Raum – das ICE CAMP ist bis Mitte April zugänglich – stehe in einer Kontraposition zu historischen Bauten, die Jahrhunderte überdauern. „Alles besteht aus Eis und Schnee, es besteht ein sehr enger Bezug zur Natur. Es werden keine Ressourcen vernichtet, der Baustoff  (Wasser in fester Form) wird zu hundert Prozent wiederverwendet. Das gibt es bei keinem anderen Material.“ Womit sich auch die Frage erübrigt, ob es ihm nicht leid tue, dass sein Kunstwerk, das immerhin drei Räume mit jeweils zehn Metern Innendurchmesser umfasst, letztlich schmelze. „Es sorgt für einen doppelten Moment im Kopf. Erst fällt auf, dass es da ist. Und dann fällt auf, dass es weg ist. Man kann sich Jahr für Jahr wieder neu erfinden. Das ist ein sehr schöner Ansatz.“

Apropos schmelzen: Auch das hat für Max Seibald etwas Faszinierendes. „Das Kunstwerk fällt nicht in sich zusammen, es stürzt nicht ein, es fällt nichts herunter. Es schmilzt langsam von oben nach unten. Die Natur nimmt es auf eine sehr delikate Weise wieder zurück.“

60 Tonnen Eis und 2.500 Kubikmeter Schnee wurden in acht Wochen verarbeitet. Für Max Seibald eine spannende Zeit, auch was die Zusammenarbeit mit seiner zehnköpfigen Mannschaft betrifft. „Das Kunstwerk entwickelt sich immer weiter und das trifft auch auf das Umfeld, also auf die Leute, zu. Man muss sich verstehen lernen, ich muss den Arbeitern vermitteln, was ich mir vorstelle und warum. Das war vor Jahren, als wir begonnen haben, schwierig, inzwischen ist es eine tolle Zusammenarbeit.“ Die natürlich sehr eng mit Handwerk verbunden ist. „Man stützt sich auf empirische Erfahrungen“, erzählt Seibald, „und beschäftigt sich sehr mit dem Material. Eis und Schnee benötigen eine gewisse Feuchtigkeit und kristalline Beschaffenheit. Damit geht einher, dass wir Zeit, Arbeitsgespür und Sensibilität bei der Errichtung brauchen.“

Eis und Schnee entstehen natürlich bedingt durch die Höhenlage. „Es gibt in der Nähe eine Senke, in der ein kleiner, etwa zwei Meter tiefer Teich entstanden ist. Das ist unser Eisdepot. Blöcke werden zum ICE CAMP transportiert. Hier werden rund zwölf Zentimeter dicke Eisplatten herausgeschnitten und zur jeweiligen plastischen Form assembliert “, erklärt der 50-jährige Künstler.

Ein Raum im ICE CAMP ist Audi gewidmet, dort steht auf vier Schrauben aus Eis ein Audi RS 3. Keine Spielerei, wie Max Seibald anmerkt: „Bei Audi geht es sehr viel um Technik. Die brauchen wir auch. In der Bildhauerei treiben wir die statischen Gesetzmäßigkeiten an ihre Grenzen. Es ist die künstlerische Freiheit, sich an diese Grenzen zu wagen, denn dann tun sich neue, andere Möglichkeiten auf.“ Es spiele sich sehr vieles im Kopf ab, „ich kann mir gut vorstellen, was das Material leisten kann.“ So gesehen sei es kein wirkliches Problem gewesen, den Audi RS 3 auf den Eisschrauben zu platzieren. „Die Idee und die Konzeptionierung sind ein wesentlicher Teil des Projektes“, sagt Seibald.

Für den Heiligenbluter hat seine Raumskulptur jetzt die ideale Form. Man könne perfekt Synergien zusammenführen – Architektur, Licht, Funktion. „Früher hatten Künstler den Anspruch, dass das Museum gerade gut genug für ihre Werke ist. Heute stellt sich die Frage: Wo und wie erreiche ich die Menschen mit meiner Kunst? Dazu gehört auch, dass ich mit der Kunst zu den Menschen komme. Das ICE CAMP ist ein Beispiel dafür.“

Eis-Festivals wie in Sapporo, bei denen riesige Skulpturen geschaffen werden, sieht Max Seibald für sich nicht als künftiges Betätigungsfeld. „Das hat große Tradition, ist aber nicht mein Interesse. Ich möchte einen Kunstraum Jahr für Jahr überdenken und neu erfinden. Beim ICE CAMP am Kitzsteinhorn kommt immer etwas anderes heraus. Das ist spannend.“