„Dieser Berg ist einfach genial"

Seit 2016 ist Axel Naglich Rennleiter der Hahnenkamm-Bewerbe, jährliches Highlight im Audi FIS Ski Weltcup-Kalender. Schon als Kind fieberte der Kitzbühler den legendären Rennen entgegen. Ein Gespräch mit dem früheren Extrem-Skifahrer über die Gamsstadt, „skinarrische“ Österreicher, Schlafdefizit und Zufriedenheit.

Wie gut und vor allem wie lang schlafen Sie in der Kitzbühler Rennwoche?
Das hängt vom Wetter ab. Wenn ich an die aktuelle Wetterprognosen für heuer denke, bin ich jetzt schon müde. Wenn alles normal läuft, bin ich bei der ersten Jury-Befahrung um sieben Uhr auf dem Berg und komme um 23 Uhr ins Bett. Wenn’s stürmt, schneit oder regnet, wird es eng mit Schlaf. Aber das hält man schon aus. Ich darf dann nur nicht in die Wärme, denn dann schlaf‘ ich sofort ein. Kälte ist super, die hält wach.

Kitzbühel ist der absolute Höhepunkt im Audi FIS Ski Weltcup. Wo liegt der besondere Reiz?
Erstens sind die Österreicher skinarrisch. Das liegt wohl auch daran, dass es nicht so viele Sportarten gibt, in denen Österreich zur absoluten Weltklasse zählt. Die Alpinen sind es, das freut die Zuschauer. Zweitens sind Kitzbühel, der Hahnenkamm und der Ganslernhang prädestiniert für ein Spektakel der Extraklasse. Dieser Berg gibt’s einfach her, dieser Berg ist einfach genial.

Es soll Leute geben, die meinen, dass die schwierigste Abfahrt der Welt nicht Kitzbühel ist, sondern Beaver Creek oder Bormio. Teilen Sie diese Meinung?
Nicht unbedingt. Ich kenne alle drei angesprochenen Strecken. Die Streif bin ich ungefähr dreißig-mal als Vorläufer runtergefahren (Anm.: Naglichs Bestzeit lag bei unter zwei Minuten). Nirgendwo wird man so gefordert wie in Kitzbühel. Es gibt in der Abfahrt keine Zufallssieger, in keinem anderen Ort ist der Kreis der Sieganwärter kleiner als hier. Der große Unterschied zu anderen Abfahrten: Die Streif verzeiht keinen Fehler, weil kein Platz für Fehler da ist. Wer in Beaver Creek oder in Bormio stürzt, hat, Platz für den Sturz und rutscht den Hang hinunter. In Kitzbühel ist das Ende der Piste nicht ein Hang, sondern das Fangnetz – und das tut dann meistens weh.

Wann beginnt für Sie als Rennleiter die Arbeit für das Kitzbühel-Wochenende, wann endet sie?
Eigentlich ist das ein Jahres-Job, nur im Sommer ist es ruhiger. Die Veranstaltung ist so groß, dass allein ich sicher bei 50 Sitzungen dabei bin – das ist manchmal mühsam, aber notwendig. Als Rennleiter bist du eben von der Beschneiung über die Pistenpräparierung bis zur Bergrettung für sehr viele Bereiche verantwortlich. Das kann man nicht in ein paar Tagen abarbeiten. Im Hahnenkamm-Modus bin ich gut zwei Wochen vorher, da dreht sich rund um die Uhr alles um die Rennen. Bei Sitzungen und Terminen, die ich nicht wahrnehmen kann, werde ich jedoch durch sehr, sehr gute Leute vertreten. Wir sind ein super Team, ich habe viele Menschen um mich, auf die ich mich verlassen kann und die in verschiedenen Spezialbereichen mehr Knowhow mitbringen als ich.

Insgesamt arbeiten in der Kitzbühel-Woche rund 1500 Menschen für die Rennen. Wie koordiniert man die?
Die 1500 sind generell schwer zu fassen. Da sind wirklich alle inkludiert, die in irgendeiner Form mit den Rennen zu tun haben. Das geht vom Lieferanten der Torflaggen bis zum Chef im Starthaus. Mit 1500 Leuten habe ich nicht direkt zu tun. Aber die Dimensionen sind schon beeindruckend – es gibt zum Beispiel 200 Helfer, die daran arbeiten, die Piste befahrbar zu machen. Wenn wegen des Wetters Alarm gegeben wird, werden das gleich mal doppelt so viele. Und wenn’s ganz arge Kapriolen gibt, versuchen wir alles auf den Berg zu bekommen, was sich bewegen kann. Das muss dann kein Spitzen-Skifahrer mehr sein, dann zählt jede helfende Hand. Wir sind sehr dankbar, dass es so viele Helfer gibt. Es ist ja nicht lustig, in der Nacht bei Schneefall und Wind in einem steilen Hang zu stehen und Schnee aus der Piste zu bringen. Dafür braucht man ein großes Herz und das haben die Kitzbüheler wenn´s um´s Hahnenkamm-Rennen geht!

Freuen Sie sich über einen österreichischen Sieg mehr als über einen anderen?
Als oberste Prämisse gilt: Als Rennleiter muss ich alles neutral sehen. Wenn es, warum auch immer, zu gefährlich wird, muss ich handeln. Da darf ich keine Rücksicht darauf nehmen, dass 50.000 Zuschauer da sind und die ein Spektakel sehen wollen. Grundsätzlich fiebere ich mit jedem einzelnen Läufer mit. Von der Stimmung her gibt es natürlich nichts Besseres als einen österreichischen Sieg. Aber es ist auch schon passiert, dass ich gar nicht mitbekommen habe, wer gewonnen hat.

Ein Blick voraus: Sonntag, 21. Jänner 2018, der Slalom auf dem Ganslernhang ist beendet. Was muss in den Tagen und Wochen vorher passiert sein, damit Sie sich zufrieden zurücklehnen?
Je weniger auf den Pisten passiert, desto besser ist es. Wenn wir die Bergrettung nicht gebraucht haben, wenn sich niemand wehgetan hat, wenn es spannende Rennen und einen reibungslosen Ablauf gegeben hat, dann bin ich glücklich.

 

Interessante Fakten zum Hahnenkamm-Rennen in Kitzbühel

Der erste Sieger: Ferdl Friedensbacher (AUT) gewann 1931 das erste Hahnenkamm-Rennen in 4:34,2 Minuten. Gefahren wurde damals allerdings auf der Fleckalm. Erst 1937 wurde erstmals am Hahnenkamm gefahren, es siegte Thaddäus Schwabl (AUT) in 3:53,1 Minuten.

Der jüngste Sieger: Franz Klammer (AUT) 1975 im Alter von 21 Jahren und 46 Tagen.

Der älteste Sieger: Didier Cuche (SUI) 2012 im Alter von 37 Jahren und 159 Tagen.

Die schnellsten Sieger: Den Streckenrekord hält Fritz Strobl (AUT), der 1999 in 1:51,58 Minuten gewann. Michael Walchhofer (AUT) erreichte bei seinem Sieg 2006 im Zielschuss 153 km/h.

Die meisten Siege: Österreicher feierten in der Kitzbühel-Abfahrt 36 Siege, gefolgt von der Schweiz (16), Frankreich, Italien, Kanada (je 4), Deutschland (3), USA und Norwegen (je 2).

 

Fotocredits: Red Bull Content Pool

Erstellt am 15.01.2018